Die Whirlpool Star Party in Irland - Ein astronomisches Event der besonderen Art
Nach Irland zum Teleskop-Treffen?
Davon sollte man ja eigentlich niemandem erzählen, denn jeder ernsthafte Sternfreund würde ob der Tatsache wie man denn einen guten Alpenhimmel gegen irisches Dauer-April-Wetter eintauschen könne zumindest verwundert die Stirn runzeln.
Nun ist die Whirlpool-Star-Party, obwohl im Jahr 2002 schon zum 17. Mal abgehalten, hierzulande ja auch noch weitgehend unbekannt.
Als im Herbst letzten Jahres die Entscheidung anstand, ob denn nun das ITT - oder evtl. doch eine andere Veranstaltung die angesagtere wäre, brachte der Event-Kalender der Sky &Telescope den entscheidenden Hinweis. Auch weil ich schon so lange nicht mehr in meinem einstigen Lieblingsland war, war dies eine gute Gelegenheit, mal wieder hinzufahren. Ein Flug war denn auch leichter zu bekommen als eine Unterkunft - denn in und um Birr, dem Ort des Geschehens, ist schon Monate vor dem großen Event alles ausgebucht. Aber ich hatte Glück.
Mein eigenes Teleskop (6" Intes Mak) ließ ich jedoch angesichts der Transportkosten und des unsicheren irischen Wetters lieber zu Hause. Bei anderen mitspechteln war also angesagt...
Die kleine Stadt Birr liegt mitten im Herzen von Irland hat astronomiegeschichtlich einiges zu bieten. Die große Attraktion ist natürlich der Leviathan, der im dortigen Schlosspark steht und der im 19. Jahrhundert das größte Teleskop der Welt war. In seinem Schatten hält nun der Shannonside Astronomy Club die jährliche Starparty ab. Allerdings handelt es sich nicht um die Art Starparty wie wir sie vom ITV oder ähnlichen Outdoor-Veranstaltungen kennen. Es ist vielmehr eine zweitägige Tagung in einem örtlichen Hotel mit vielen hochkarätigen Vorträgen und anschließender Möglichkeit zum gemeinsamen Beobachten, so das Wetter es denn zulässt. Auch schien mir die Mehrheit der angereisten Gäste aus "armchair astronomern" zu bestehen, es waren bestimmt jeweils nur ein Drittel der ca. 150 Besucher der Vorträge des nachts im Schlosspark anzutreffen. Die Mitglieder des organisierenden Clubs kümmern sich ebenfalls weniger um eigene Beobachtungen, als vielmehr um das Wohl ihrer großen Attraktion, dem Leviathan, und eben der Organisation der Star Party.
Doch der Reihe nach: Das Ereignis fand am 5. und 6. Oktober 2002 (Samstag und Sonntag) statt. Ich reiste schon einige Tage vorher an, um noch ein wenig Urlaub in Dublin zu machen und mir die Insel nach den "boom years", die sie Mitte der neunziger Jahre erlebt hat, mal wieder anzusehen. Dabei stellte ich fest, dass neben der Reduzierung der Arbeitslosigkeit der Wirtschaftsaufschwung der Insel hauptsächlich eine Auto-Schwemme beschert hat, die sie kaum bewältigen kann. Dublin versinkt im Verkehrschaos und auch für die 130 km Überlandfahrt mit dem Mietwagen von Dublin nach Birr muss man ob der Dauerstaus und teilweise engen Straßen mehrere Stunden veranschlagen.
Nach Ankunft in Birr und dem Beziehen der Unterkunft galt natürlich der erste Besuch dem Leviathan und dem kleinen Museum das sich in Birr Castle mit der ganzen Thematik beschäftigt. Dazu jedoch später, bei "Geschichte des Leviathan" mehr...
Im Dooly's Hotel, dem Ort des großen Geschehens, war man schon emsig mit Vorbereitungen zu Gange, und nach dem Abendessen ergab es sich, dass man mit den eigenen Teleskopen zu Füßen des Leviathan beobachten konnte. Welch eine Atmosphäre! Die großen Schlosstore wurden eigens für uns geöffnet, und nach und nach füllte sich die Wiese mit den verschiedensten Gerätschaften. Obwohl Birr nur ein kleiner Ort ist, reicht auch dessen Beleuchtung schon aus, um dem Himmel einiges an Qualität zu nehmen. Ab und an erschien der Nordost-Horizont etwas aufgehellt und einige Einheimische riefen aufgeregt "That's an aurora!" - aber ganz so sicher war ich mir da nicht... Ansonsten beobachtete ich natürlich die "berühmteste Galaxie des Ortes" - M 51, sowie Veil - äh Cirrus-Nebel (meine Aufzeichnungen sind hier in Englisch J ), M 57, NGC 404 und auch Saturn im 10"-SC-Meade mit Bino-Ansatz war beeindruckend und zeigte sich mit vier Monden! Erst gegen Mitte der Nacht machten sich Wolken breit.
Nach einem derart erfolgreichen Auftakt wurde am nächsten Tag (Samstag) die Star Party gegen halb zwölf (die Zeiten sind sehr beobachterfreundlich gehalten...) durch den siebten Lord Rosse eröffnet. Er war hocherfreut über die zahlreich angereisten Gäste, die zumeist aus Irland und England kamen und entschuldigte sich auch, dass der Leviathan nicht zu benutzen war, da die Hydraulik nicht funktionierte und die Versicherung wohl auch was dagegen hatte, Besucher auf die super-hohen Steinmauern hoch zu lassen.
Wie schon erwähnt - auf dieser Star Party sind offensichtlich nur hoch- bis sehr hochkarätige Referenten anzutreffen. Diesmal waren eingeladen: zwei englische Professoren, die sich mit der Frage nach außerirdischem Leben beschäftigen, der CEO von Coronado (die teuren Sonnenfilter), der berühmte Astrophotograph Jack Newton und - sozusagen als Stargäste - Professor Anthony Hewish, der 1974 für seine Entdeckung der Quasare den Nobelpreis erhalten hat, und die Astrokoryphäe John Dobson.
Letzterer bildete den Auftakt und durfte, da ein anderer Referent ausgefallen war, zwei Vorträge halten. John Dobson ist eine Klasse für sich! Trotz seiner 87 Lenze ist er fit wie ein Turnschuh und versteht es bestens, sein Publikum zu unterhalten. Sein größtes Anliegen ist es, die Astronomie der "normalen" Menschheit nahezubringen, was er ja mit seinen "Sidewalk Astronomern" in Amiland auch tut. Dort steht er mit seinen - oftmals aus Abfall - gebauten Röhren auf der Straße und versucht, den Leuten die Begeisterung an der Beobachtung zu vermitteln. Auf solchen Touren kommt es wohl auch schon mal vor, dass ein 24-Zöller für ihn als Schlafsack herhalten muss... Folglich fühlte sich John auf einer solchen Veranstaltung mit lauter "Profis" offensichtlich leicht fehl am Platze, aber er gab trotzdem sein Bestes... Zitat: "I don't know what got me here, but I'm here!"
Eine weitere Aussage von ihm, die mir immer in Erinnerung bleiben wird, war seine Antwort auf die Frage, wie groß ein Amateur-Teleskop sein sollte: "If it fits in your backyard, it's too small - if you can't carry it, it's too big!" So einfach kann Astronomie sein...
Ein Thema über das er referierte, war der Urknall - und er ist ein ziemlicher Gegner dieser Theorie. Dabei hatte er eigentlich keine wirkliche "Altnative" vorzuweisen, sondern betonte immer, dass man nicht aus "Nichts" irgendwie plötzlich Materie erschaffen könne. Herrlich war auch seine "Schwerkraft-Demonstration" - dazu musste einer der Organisatoren als "Kuh" herhalten, die John - ganz Ami - mit einem Lasso einfing.
Auch auf die amerikanische Gelehrten-Schmiede Berkley ist er nicht gut zu sprechen - er nennt sie "Berserkley".
David Lunt, der CEO von Coronado, hatte eigentlich ein "Heimspiel", da seine Frau aus der Gegend von Birr stammt. Er referierte über den Aufbau der Sonne und darüber, was einen guten Sonnenfilter ausmacht.
In der Mittagspause konnte man sich davon dann in der Praxis überzeugen - die Coronado-Gerätschaften standen einsatzbereit im Hof und Sonne beobachten war angesagt.
Barrie Jones, Astronomie-Professor an der Open University in England, berichtete über die Suche nach außerirdischem Leben und darüber, ob erdähnliche Planeten in anderen Sonnensystemen existieren würden. Eines seiner Hauptforschungsgebiete ist die Suche nach potentiellen Lebensräumen für jegliche Art von Leben. In 15 Jahren, so hofft er, hat die Menschheit Teleskope, die in der Lage sind, extra-solare Planeten aufzulösen.
Dr. Johnjoe McFadden, seines Zeichens Biologe und Autor des Buches "Quantum Evolution", hat sich mit den Auswirkungen der Quantenmechanik auf die DNS beschäftigt. Er vertritt die Ansicht, dass Zellmutationen unter bestimmten Umständen nicht nur zufällig, sondern ganz gezielt zu ihrem Vorteil vonstatten gehen können.
Der Kanadier Jack Newton ist durch seine in "Astronomy" und "Sky & Telescope" veröffentlichten Fotografien auch kein Unbekannter in der Szene. In seinem Vortrag "The past, present and future of astrophotography" gab er einen Überblick über sein Leben und seine Arbeit. Sein Hauptwohnsitz ist an der Grenze zu den USA, aber im Winter ist er auch in Florida und Arizona anzutreffen, wo er "Star City" gründete. Bevor das CCD-Zeitalter begann, arbeitete er mit gekühltem Film; mittlerweile jedoch ist er auf einen Chip umgestiegen, der auch im Hubble-Teleskop eingebaut ist, und den er, da inzwischen überholt, "günstig" erstehen konnte. Seine Aufnahmen suchen natürlich durchweg ihresgleichen, und als er gefragt wurde, ob er denn auch unbearbeitete Bilder veröffentlichen würde, meinte er, das wäre ja als wenn man morgens ungewaschen aus dem Haus ginge...
Aber es kam noch dicker - bei einem ausgesprochen beeindruckenden und irgendwie unwirklich aussehenden H-alpha Sonnenbild sagte er, dass er die Korona bereits vor zehn Jahren aufgenommen und die Sonnenoberfläche aus 16 Bildern zusammengesetzt hätte, und die Protuberanzen waren die besten vom November... John Dobson, der im Publikum saß, und gefragt oder ungefragt nie um einen Kommentar verlegen ist, rief lauthals: "We're glad you're cheating!!"
Am darauffolgenden Sonntag morgen hielt Newton spontan einen Workshop in Bildbearbeitung mit Photoshop ab, der reges Interesse fand.
Ein weiteres Highlight war der Nobelpreisträger Professor Antony Hewish. Seinen "Un"ruhestand nutzt er emsig, um der Allgemeinheit von seinem Leben und seinem Wissen zu berichten. Schon während des Krieges hatte er mit Radartechnik gearbeitet und später eine Radio-Antenne entworfen, mit der ihm seine große Entdeckung gelang.
Beim offiziellen Dinner am Samstag abend hatte ich die Ehre, seine Tischnachbarin sein zu dürfen. Auf meine Frage, ob ein Mann, der so Großes geleistet hat, denn auch ein eigenes Teleskop besäße, meinte er äußerst liebenswürdig, er hätte einen kleinen Zweizöller - mit dem zeige er ab und zu seinen Enkeln den Mond.
Da er offensichtlich in England auch schon viele TV-Sendungen gemacht hat, wollte ich denn auch wissen, ob er seinen deutschen Kollegen Prof. Lesch kennen würde und schwärmte ihm von "alpha centauri" vor - aber damit konnte er nichts anfangen...
Bob Bower, ein Astronom aus Schottland, hielt sozusagen als Appetizer vor dem Dinner noch einen Diavortrag über seine Erlebnisse in Stellaphane, dem amerikanischen ITV.
Nach dem Dinner wurde noch ein Astro-Quiz mit Verlosung abgehalten - und dann ging's hinaus in den Schlosspark, um endlich wieder der Praxis zu frönen.
Diese zweite Nacht war wirklich unvergesslich - während wir M81/82 und die "Enddreißiger" im Fuhrmann beobachteten zog irgendwann Bodennebel auf, und es entstand eine Atmosphäre wie in den alten englischen Krimifilmen. Es fehlte nur noch die Leiche im Moor nebenan - das Schloss mit den dicken grauen Mauern war ja schon da!
Auch hatten die Organisatoren die Erlaubnis bekommen, die Besucher wenigstens mal durch das Okular des Leviathan gucken lassen zu dürfen, was mit sechs Zoll auch nicht gerade klein ist... Sehen konnte man zwar nix, da er ja nicht aufzurichten war und somit irgendwo in die angrenzenden Bäume guckte - aber das Prozedere an sich ist auch schon ein Erlebnis.
Jeweils drei Leute durften in einen Holzwagen einsteigen, der dann per Hand an das Oku herangekurbelt wird - jeder schaute mal durch und bewunderte das graue Nichts - und dann wurde wieder zurückgekurbelt und die nächste Gruppe durfte einsteigen.
Mich schauderte auch bei dem Gedanken, dass wenn das Riesenteil einsatzbereit gewesen wäre, man im Dunkeln in schwindelerregender Höhe auf den Mauern hätte rumkraxeln müssen...
So ging dieses erlebnisreiche Wochenende eigentlich viel zu schnell zu Ende.
Erwähnen sollte ich vielleicht noch, dass man im Auditorium des Hotels auch jede Menge Astro-Artikel erstehen konnte. Von Büchern, Postern, Computer-Programmen bis hin zu kleinen Teleskopen war alles zu bekommen.
Jeder der die Whirlpool Party gerne selbst mal besuchen möchte, sollte möglichst noch eine Nacht dranhängen, denn für den Weg von Birr nach Dublin muss man (wie gesagt) einige Stunden rechnen. Alternativ kann man auch mit dem irischen Billigflieger nach Shannon reisen, jedoch weiß ich nicht, ob es ab dort öffentliche Verkehrsmittel gibt. (Von Dublin aus fährt auch ein Bus). Brauchbare Englischkenntnisse sind unabdingbar und um eine Unterkunft sollte man sich rechtzeitig kümmern...
Ursula Hohmann-Donelasci