IL MAGO BLU
( Der Magier in Blau )
Jene Magie des Augenblicks, die uns berührt wenn die Sinne nach dem scheinbar Unerreichbaren greifen. Mächte, die uns beflügeln Orte zu entdecken, die sonst im verborgenen ruhen, und uns die Kraft verleihen an etwas zu Glauben, was jenseits von dem liegt, was die Vernunft uns rät.
Schon von weitem hörten wir Sie herannahen. Die Musikanten und Gaukler die das kleine Dorf zu Füßen des Monte Itze mit etwas beschenken sollten, was in jenen Tagen keine Selbstverständlichkeit war. Tage, die uns den Wunsch nach Frieden und Glück beinahe in unerreichbare Ferne rücken ließen. Aufgeregt liefen wir Kinder zum Castello, einer alten Burgruine, um den Einzug der Komödianten als allererste zu sehen. Genau hier, in der alten Ruine über unserem Dorfe würden Sie uns etwas von ihrer Welt der Wunder und Illusionen nahe bringen wollen. Gebannt starrten wir hinab zur Piazza und warteten. Eine unerklärliche Stille legte sich über unser kleines Dorf. Doch die Stille war nicht von langer Dauer den Marco`s Aufschrei zerschnitt die ungewöhnliche Stille, die in der Luft lag.
„Guardate la giu, stanno arrivando“
Marco zeigte aufgeregt hinab zur Piazza. Nun sahen auch wir die herannahenden Gaukler wie sie sich mit ihren bunt bemalten Wohnwagen die schmale Gasse hinauf mühten. Ich kann mich noch gut an jenen Moment erinnern, wo wir Kinder uns anblickten und ein jeder von uns dieses wunderbare Funkeln in den Augen hatte. Das Funkeln einer kindlichen Freude die all das neue und fremde in ihre Herzen aufzunehmen vermochte ohne nach dem Sinn oder Unsinn des Moments zu fragen.
Noch heute läuft mir ein Schauer den Rücken hinab wenn ich auf jene Tage zurück blicke. Jene wunderbare Naivität die uns tagtäglich an eine Welt voller Wunder und Mysterien glauben ließ. Eine Welt, in der Gerechtigkeit und Edelmut noch etwas von Bedeutung sei.
Eilig stürmten wir die Gasse herab um uns das rege Treiben der eingetroffenen Komödianten zu betrachten. Neugierig besah ich mir den kleinen Troß der hölzernen Wohnwagen der von alten Mauleseln hinauf gezogen wurde. Jeder der drei Wagen war reich verziert und mit den wunderbarsten Bildern versehen, die ich nie zuvor gesehen hatte. Der erste Wagen wurde von einem stolz blickenden dicklichen kleinen Mann geführt. Als er sich mit seinem Wagen an mir vorbei schob, blickte er für einen kleinen Augenblick vom Kutschbock herab und lächelte mich an, um anschließend abermals in ernster Mine zu verharren. In großen goldenen Lettern und reich verziert war auf dem Wagen des Mannes zu lesen:
„ Il Mago blu “
Der eigenartige Name der kleinen Komödianten-Gruppe hatte für mich etwas rätselhaftes sogar sonderbare anmutendes an sich. Doch als kleiner Junge sieht man ja vielleicht in allem und jedem etwas von dem Zauber versteckt, aus dem die Träume geschaffen wurden.
In dem Moment wo ich Marco von meiner Entdeckung berichten wollte, hörten wir dicht hinter uns auch schon seinen Vater fluchend herannahen.
„ Porca Puttana Marco was für ein mißratener Sohn du doch bist. Anstatt mir auf dem Feld zu helfen lungerst Du Nichtsnutz bei diesen Narren und Schwachköpfen herum. Lucia du faules Stück, Du solltest dich lieber um unseren Sohn kümmern als mit der Schwachsinnigen Eleonora zu tratschen. Maledetta, hörst du schlecht oder muß ich dich erst mit Fußtritten aus Eleonora`s Küche treiben.“
Mit giftigem Blick schaute er ein letztesmal zu uns herüber und verschwand fluchend in den kleinen Weinkeller. Gesenkten Hauptes verließ Marco`s Mutter das Haus ihrer Schwester und nahm Marco mit nach Hause:
„ Marco komm lieber mit, du weißt doch wie er ist wenn er etwas getrunken hat.“
Traurig antwortete Ihr Marco:
„ Si Mama, ich weiß “
Auch wir gingen nach diesem Erlebnis unserer Wege und eilten nach Haus wo unsere Eltern uns schon erwarteten.
Am darauf folgenden Tag saßen wir abermals beisammen und spielten mit den Komödiantenkinder am alten Castello während der Rest der Gruppe die kleine Bühne für den großen Auftritt aufbaute und herrichtete .
Nur einer wurde schmerzlich vermißt, es war Marco der zur Strafe den ganzen Tag auf dem Feld seines Vaters arbeiten sollte. Doch am späten Nachmittag stieß auch Marco unerwarteter Weise zu uns.
„ Marco, was machst du den hier? “
Spitzbübisch antwortete er:
„ Mir ist ganz einfach schlecht geworden, lag wohl an dem Wetter.“
Neugierig sahen wir beim regen Treiben der Komödianten zu. Noch ein paar Stunden und der kleine Platz vor dem alten Castello würde sich mit Leben füllen. Dorfbewohner die amüsiert jenes bestaunen sollten was Ihnen auf der Bühne dargeboten würde. All das, was eben nicht ganz alltäglich war zu jenen Zeiten.
Wie wir so am Rand des Geschehens standen kam Signore Bartoli, der Vater von Laura und Gino, auf uns zu und sah uns prüfend an. Es war wieder dieser sonderbar stolze Blick wie am Vortag auf dem Kutschbock seines Wohnwagens. Abermals mußte ich an die Aufschrift an seinen Wagen denken:
„IL MAGO BLU“
Signore Bartoli sah mich und kam auf mich zu. Er blieb vor mir stehen und griff gewandt hinter mein Ohr und zog zu unser aller Verwunderung Freikarten für die abendliche Vorstellung hervor. Er überreichte jedem von uns eine Karte und verabschiedete sich wortlos.
Wie ein kostbares Kleinod hielten wir die Karten in Händen und sahen uns freudestrahlend an.
Doch die Freude wurde von einer herannahenden Stimme jäh unterbrochen.
„ Marco, porca miseria wo bist du Taugenichts bloß?“ hörten wir Marco`s Vater toben.
Eilig versteckte Marco sich hinter unsere Rücken als sein Vater uns am Castello erreichte.
„Habt Ihr Marco gesehen?“
Starr vor Angst brachten wir nicht eine Silbe über unsere Lippen. Grob schob er uns beiseite und ergriff den armen Marco. Mit gewaltigen Tritten in sein Hinterteil prügelte er den armen Marco Heim. In all den Jahren hatte ich mich immer wieder gefragt, wie Marco all das nur ertragen konnte. Eine Antwort hatte ich nie bekommen, doch vielleicht gab es da etwas an das Marco fest glaubte und ihn all das ertragen ließ.
Bis zum großen Auftritt der Komödianten verweilten wir zu Hause bei unseren Eltern. Stolz zeigte ich diesen dann auch meine Eintrittskarte die ich von Signore Bartoli geschenkt bekommen hatte. Vorsichtig fragte ich dann meinen Vater ob ich den dann auch zur Vorstellung könne. Mein Vater antwortete mir:
„ Mein Sohn wenn das ganze Dorf doch zur Vorstellung geht, dann darfst du doch nicht fehlen. Wir werden heut alle zur Vorstellung gehen, wer weiß wann wir mal wieder etwas aufheiterndes zu Gesicht bekommen.“
Der große Moment war gekommen. Mit den besten Kleidern auf dem Leib gingen wir vereint zur Piazza wo das gesamte Dorf, so schien es wenigsten, schon versammelt war. Aufgeregt blickte ich in die Runde. Die kleine Piazza war zum bersten gefüllt mit den Bewohnern unseres Dorfes und denen der Nachbardörfer. Männer, die in Grüppchen wild über die kommende Jagdsaison diskutierten. Frauen, die ihre Sprößlinge vergebens versuchten zu zügeln. Kinder, die des Wartens überdrüssig nach etwas Zerstreuung suchten. Großeltern, die jenes kritisch beanstandeten aber innerlich stolz auf die kleinen Quälgeister waren.
Doch eine Familie vermochte ich nicht in dem regen Treiben auf unserer Piazza zu erblicken.
Wo mochte wohl Marco mit seiner Familie sein? Würden Sie vielleicht überhaupt nicht erscheinen wollen?
Das bimmeln einer kleiner Glocke ließ die Menschen von einem zum anderen Moment verstummen. Am Fuße des Castello stand Signore Bartoli in einem blauen Gewand und bat uns einzutreten.
Die Menschen strömten langsam in das festlich dekorierte Ambiente der alten Ruine und setzten sich auf die vorbereiteten Holzbänke. All jene die nicht das Glück hatten einen der kostbaren Sitzplätze zu ergattern mußte auf dem eigens mitgebrachten Stuhl Platz nehmen.
Da ich einer der wenigen glücklichen war, der im Besitz einer Freikarte war wurde meine Familie vorgelassen, so das wir in der ersten Reihe Platz nahmen.
Die Lichter verloschen und ein angenehme Ruhe kehrte ein. Ein letztes Mal schaute ich mich um. Doch vergebens, mein Freund Marco war nirgends zu sehen
Traurig drehte ich mich zur Bühne um die Eröffnung des Programms mitzuerleben. Die Komödianten betraten die Bühne und begannen das Spektakel. Das Stück handelte von einem Grafen, der mit strenger Hand seine Untertanen unterjochte. Doch eines Tages kommt eine Gruppe Gaukler an seinen Hof, die mit Witz und Geschick den Machenschaften des Grafen eine Ende setzten will. Fasziniert starrte ich auf die Bühne als etwas an meinem Ärmel zupfte. Neben mir saß Marco.
„Marco wo warst Du?“
„Mein Vater hatte mir verboten die Vorstellung zu sehen.“
„Und warum bist du dann hier?“
„Ich bin einfach von zu Haus weggelaufen.“
Das Gespräch verstummte und wir sahen gebannt auf die farbenfrohe Aufführung die auf der Bühne im vollen Gang war. Fasziniert folgten wir dem Stück und ließen uns in eine längst verloren geglaubte Welt entführen.
Die Aufführung neigte sich dem Ende, und die Spannung erreichte den finalen Höhepunkt. Doch das Vorhaben mißlingt und der Anführer der Gaukler „IL MAGO BLU“ nimmt ein jähes Ende.
Der Graf nahm einen Dolch und stieß diesen dem Mago in den Bauch. In dem Moment wo der
Mago zu Boden brechen sollte platzte Marco`s Vater mit wilden Geschrei in die Vorführung.
„Maledetto Bastardo, wo bist Du mißratenes Kind?“
Außer sich vor Wut, kam er auf uns zu, ergriff Marco und streckte ihn mit einer schallenden Ohrfeige zu Boden. In dem Moment wo er Marco ergreifen wollte und ihn nach Hause schleifen wollte, ertönte hinter ihm auf der Bühne die Stimme des Mago Blu. Mit Marco an der Hand drehte er sich um und blickte hinauf zur Bühne wo der Mago Blu rezitierte.
Ein Tyrann der Du bist
Lange sann ich über jenes, was meine Narretei Dir zu sagen wagte.
Mago Blu, was du wohl glaubtest als Dein einfältig Spiel das Licht der Welt erblickte.
Welch Mächte du beschworst als du tatest jenes, was eines Narren sich nicht schickte.
Was wagtest du nur zu sagen?
Verehrtes Publikum, die Sühne meiner Schuld ich allein werd tragen.
Doch nie tät ich vorher fragen, was ich hab zu sagen.
Nie ließ ich lenken, was ich hab zu denken.
Nun verhülle ich meines Antlitz Angesicht, so wie es meiner würdig.
Den mein allein, sei nur die Gaukelei.
Doch Ihr, seit gewiß ich nur der Spiegel sei, Eurer Narretei.
Er sah Marco`s Vater stumm an worauf dieser Marco los ließ und in die tiefe Nacht entschwand.
Der Mago Blu sank mit Schmerz verzerrten Gesicht zu Boden und starb. Der Vorhang fiel und das Publikum schwieg überrascht. Ich half Marco auf konnte kaum glauben was geschehen war.
Abermals öffnete sich der Vorhang und der Mago Blu mit all den anderen Komödianten verneigte sich hinab zum Publikum.
Eine sonderbare Stille lag in der Luft, bis Marco zur Bühne schritt und das erdrückende schweigen brach:
„Grazie Mago Blu“
In diesem Moment brach ein nicht enden wollender Applaus aus und die Luft war erfüllt von jener Magie des Augenblickes die uns berührt wenn die Sinne nach dem scheinbar Unerreichbaren greifen. Mächte, die uns beflügeln Orte zu entdecken, die sonst im verborgenen ruhen, und uns die Kraft verleihen an etwas zu Glauben, was jenseits von dem liegt, was die Vernunft uns rät.
Giovanni Donelasci