Il vechio Lupo
(Der alte Wolf)
Wenn ich meine zurückliegenden Jahre so betrachte, kann ich mich gut an so manches Gesicht entsinnen in das ich sah .Gesichter von Menschen wie du und ich .Gesichter die gezeichnet waren von den Ereignissen , die ihre Besitzer in den zurückliegenden Jahren ihres Lebens erlebten .
Eines von Ihnen lag und liegt mir immer noch sehr am Herzen und jedes mal wenn ich in seine Augen blicke , frage ich mich : „Was hat dich bloß zu dem gemacht , was du jetzt bist ?“
Einst saß ein Ziegenhirte bei seinen Tieren am Monte Tarpa . Tag ein Tag aus , trieb der Hirte seine Herde vom Dorf in die höher gelegenen Berge zum weiden . Sein Leben war einfach , doch nie empfand er es Last . Ein Leben voller Arbeit und Anstrengungen um mit seinem kärglichen Lohn seiner Familie ein weiterleben zu ermöglichen . Außer der ärmlichen Kleidung die er auf seinem Leibe trug , konnte er nichts sein Eigen nennen und wie all die anderen vor ihm
war auch er nun Hirte .
Seit frühester Kindheit , trieb der Hirte seine Herden zum Monte Tarpa und wie er , verstand es kein zweiter mit den Tieren in seiner Obhut umzugehen und nie stellte er all dieses in Frage .
So saß der Hirte so manche Stunde bei seinen Tieren und versuchte zu ergründen , was seine Ziegen ihm wohl zu sagen hätten , wenn diese , sprechen hätten können .Wie an all den anderen Tagen , saß der Hirte auch jenem Tage bei seiner Herde am Fuße des Monte Tarpa . In Gedanken vertieft saß der Hirte auf einem vom warmen Sonnenlicht durchfluteten Felsen und blickte nachdenklich auf seine Herde .
„Was für ein Leben Ihr doch habt . Tag ein ,Tag aus freßt Ihr vom feinsten Grase des Monte Tarpa und nie sagtet Ihr mir ob es euch je einmal geschmeckt hat .
Doch Doch , das wird es wohl , den nie würdigtet Ihr mich mit einem Blicke als wir hier oben am weiden waren .
Welch undankbares Volk Ihr doch seid . Tag ein , Tag aus bringe ich euch bei Wind und Wetter hier hinauf und was tatet Ihr je für mich ?
„A-A-II-UUUTOOOOOOO“
Ein zartes Klagen , riß den Hirten aus seinen Gedanken . Wie von einem Blitz getroffen , sprang der Hirte auf und durchstreifte mit seinen Blicken aufgeregt die kleine Herde . In der ferne , abseits der Herde sah er einen grauen Schatten hinter den Felsen verschwinden . Mit einem mächtigen Satz sprang der Hirte vom Felsen und machte sich eilig auf die Verfolgung des unbekannten Schattens.
Aufgeregt pochte das Herz in seiner Brust als der Hirte den Felsvorsprung erreichte . Ohne jeglichen Gedanken , über die Gefahr , in der er sich dort hätte befinden können bog er hinter die Felswand ein und blieb gebannt stehen vor dem was ihm dort begegnete . Mit den Zähnen fletschend stand ein alter Wolf vor ihm und bewachte verteidigend eine kleine Ziege , die blutig und zitternd vor ihm auf dem Boden lag .Schützend hob der Hirte seinen Hirtenstab und streckte diesen dem alten Wolf entgegen . Als der Hirte die verletzte Ziege erblickte , stieg eine ungeheure Wut in ihm auf .Seine Hände umschlossen fest den Hirtenstab und außer sich vor Zorn wollte er auf den alten Wolf einschlagen als eine dumpfe Stimme ihn inne halten ließ .
„Schlag nur zu du Narr.
Ist es das , was du willst ?
Nun an , dann Schlag jetzt endlich zu .“
Verwundert sah der Hirte zum Wolf herüber und ließ den bedrohlich erhobenen Hirtenstab etwas herab .Der Hirte betrachtete ungläubig den alten Wolf und sprach :
„Teufelswerk , es ist alles nur von Teufelshand geschaffen , was mir hier Widerfährt .Dämon , nimm dieses , aus des Hirten Hand .“
Als der Hirte im begriff war den alten Wolf endgültig zu erschlagen ertönte abermals eine dumpfe Stimme .
„Nennst du so , all das was dir so fremd ist.
Ist es das , was du tust , wenn Dir etwas unbegreiflich erscheint .
Gewiß , wenn es so ist , dann erschlage mich jetzt .“
Verwirrt über das , was in jenen Momenten geschah und noch geschehen sollte sprach der Hirte fragend zum Wolf :
„Wie ist es möglich , das du sprechen kannst ?
Ein dumpfes lachen entsprang dem Maule des Wolfes und müde entgegnete Er ihm:
„Frage nicht mich Hirte .Frage lieber dich , warum du , mich verstehst ?“
Ein klagendes wimmern unterbrach das sonderbare Gespräch der Beiden .Zu Füßen der beiden Kontrahenten , lag noch immer die kleine gerissene Ziege . Der Hirte trat einen Schritt heran und wollte sich herab beugen um die Ziege aufzuheben , als er vom bedrohlichen knurren des Wolfes zurückwich .
Drohend sprach der Wolf zu ihm :
„Laß ab du Narr , bist du wirklich bereit für dieses fast tote Tier zu sterben ?“
Entschlossen trat der Hirte dem Wolf entgegen und sprach :
„Wolf , frage nicht mich .
Wolf , ich frage dich , bist du wirklich bereit für meine Ziege zu sterben ?"
Höhnisch lachte der alte Wolf auf .
„Du bist ja noch ein größerer Narr als ich annahm . Was in Gottes Namen , geht in deinem Kopfe vor .Überdenke doch das , was du mich fragtest Hirte .
Alt bin ich , grau und blaß ist mein einst so prächtiges Fell .
Ein jeder Schritt , den ich hier auf Erden Wandel , wiegt wie eine unendliche Last auf meinem alten Kreuz .
All die mühen des täglichen Lebens , brennen wie ein alles verzehrendes Feuer in mir .
Müde und ausgestoßen , friste ich mein Leben fernab meines Rudels um auf die Glückseligkeit meines Endes zu warten .
Du Narr , glaubst du wirklich , ich hätte Angst vor dem Tode .
Nein Hirte , vor dir steht eine Kreatur , die keine Angst vor dem unendlichen Dunkel des Todes hat .
Hirte , jung und stark bist du von Gestalt , schnell und gewand führst du den Hirtenstab und es wird dir ein leichtes sein , mich zu töten .
Nein , den Tod fürchte ich nicht , den , ob von deines Hand oder Hand des Hungers , der Tod wird heut mein sein .
Nun an Hirte , vollende du mein Schicksal .“
Von den Worten des alten Wolfes tief berührt , ließ der Hirte den Hirtenstab herabsinken und kniete zu Füßen des Wolfes nieder .
„Armer alter Wolf . Ein Narr , der da glaubt , das all das fremde auf Erden unbegreiflich scheint .
Gewiß mag es so sein für all jene unter uns , deren müde Häupter nie versuchten hinter dem unbegreiflich scheinenden zu sehen .
Doch alter Wolf , sind es nicht gerade diese Narren auf Erden , die uns mit ihrem grotesken Spiel das unbegreifliche , begreiflich erscheinen lassen?“
Ein , dem lächeln ähnelnder Ausdruck , breitete sich über das Maul des Wolfes aus und fast schon liebevoll leckte der alte Wolf die Wunden der kleinen Ziege . Liebevoll streichelte der Hirte das graue Fell des Wolfes und sprach zum ihm :
„Hab Dank alter Wolf , das du mich hast erfahren lassen , was mir all so fremd war.“
„Nein nein Hirte , mein Dank gebührt dir , den du , lehrtest mich ein Narr sein .“
Seit jenen Tagen , erzählt man den Kindern im Dorf , die Fabel vom alten Wolf und dem Hirten am fuße des Monte Tarpa .Und wenn du eines Tages , in dieses Dorf kommst , dann schau genau hin , vielleicht entdeckst du die Beiden irgendwo am fuße des Monte Tarpa .
Giovanni Donelasci