Wolkenlücken-Hopping Internationales Teleskop-Treffen in Stumpertenrod/Vogelsberg, Mai 2002
Seit den beiden genialen Nächten, die ich letztes Jahr in Stumpertenrod erlebt hatte, ist das ITV für mich zu einem Astro-Highlight des Jahres geworden. Eine relativ kurze Anfahrtstrecke, super Atmosphäre und – wenn das Wetter mitspielt – ebenso super Himmel – was will der Spechtler aus dem Rhein-Main-Gebiet mehr? Daher hatte ich mir den Termin auch gleich zu Anfang des Jahres dick in meinem Kalender vermerkt. Jedoch schien Petrus der Meinung zu sein, dass ein ITV mit Sonnenschein satt wohl genug gewesen sein sollte. Die Wetterlage war diesmal äußerst instabil und die Aussichten auf klaren Himmel nicht besonders groß. Aufgrund der Wetterverhältnisse der vorangegangenen Jahre steht „ITV“ ja auch für „Immer total verregnet“... Entsprechend war die Resonanz bei uns in der Sternwarte. „Da stehst Du nur im Schlamm, und die Autos müssen mit dem Traktor rausgeholt werden!“, „Wenn’s klar wird, fahr’ ich auf den Feldberg, der ist näher...“, „Das Feld ist schon abgesoffen, die stehen schon alle im Matsch!“ – solcherlei Kommentare bekam ich von potentiellen Mitfahrern zu hören. Egal – ich musste einfach hin! Wenn die Autos wirklich schon alle im Matsch stehen sollten, hatte ich mir vorgenommen, mir die Szenerie wenigstens mal selbst anzugucken und dann wieder den Heimweg anzutreten. Aber die Tatsache, dass es seit ca. 2 Tagen nicht mehr geregnet hatte, stimmte mich hoffnungsvoll, und laut Wetterbericht sollte die beste Nacht die vom Mittwoch (8.5.02) auf Donnerstag (9.5.02) werden. So reihte ich mich – wie letztes Jahr auch – mal wieder in den Feiertagsstau ein. Bei Gießen erwischte ich die falsche Ausfahrt, was mich noch eine halbe Stunde extra Stau kostete. Als ich dann bei Sonnenuntergang endlich ankam, stellte sich heraus, dass das Gelände doch relativ trocken war, so dass ich unbesorgt mein Lager aufschlagen konnte. Schon bald bemerkte ich, dass dieses Mal viel mehr Besucher da waren als letztes Jahr um diese Zeit. Ich baute also mein 6’’-Maksutov auf, machte mein Auto „übernachtungsfertig“ (Rückbank umklappen, Isomatte ausrollen...) – und stellte mit Schrecken fest, dass ich meinen Okularkoffer zu Hause vergessen hatte! Glücklicherweise hatte ich äußerst nette Nachbarn (drei Herren vom Astrostammtisch Heidelberg sowie Guido, einen in Amsterdam lebenden Hamburger) die mir sofort ihre Okulare zur Ausleihe anboten! Derlei ausgestattet konnte der ersten Beobachtungsnacht, die gegen 22.00 Uhr mit einem -5 mag Iridium-Flare „eröffnet“ wurde, nun nichts mehr im Wege stehen. Die Objektauswahl wurde durch die Wolkenlücken vorgegeben. Als erstes nahm ich NGC 2903 im Löwen ins Visier. In Frankfurt nur als rundes Etwas zu sehen, war es hier eine klar strukturierte, ovale Galaxie. Es folgten M97 (Eulennebel), bei dem ich mit (ebenfalls geliehenem) OIII-Filter auch die „Augen“ erspähen konnte, M109 (Galaxie in Uma) und der Komet Ikeya-Zhang, der gerade durch den Drachenkopf wanderte. Den Kometen beobachtete ich mit dem 10’’-Schmidt-Cassegrain eines Heidelberger Kollegen und Ikeya-Zhang hatte neben einer schönen Koma auch noch einen dünnen Schweif. Weitere Objekte waren NGC 6543 (Katzenaugennebel), M51 (Whirlpool-Galaxie), M71 und der Kugelsternhaufen M5. Der krönende Abschluss, als schon die Morgendämmerung einsetzte, war der Hantelnebel M27. Der Anblick durch den OIII-Filter „haute mich glatt vom Sockel“ – der Nebel erschien riesengroß und die Hantelstruktur war so deutlich wie ich sie noch nie gesehen hatte.
Der Donnerstag brachte neben leichter Bewölkung auch viel Sonne, und durch Guido lernte ich noch einige Leute aus dem Hamburger Raum kennen. Abends gab es den traditionellen Vortrag von Stefan Schuchhardt zum Thema „Interessante Beobachtungsobjekte heute Abend“, der diesmal mit einem Werbe-Sketch über OIII-Filter mit der „Cirrus-Garantie“ garniert war. Später bekam ich noch Gesellschaft von einem Vereinskameraden – Bodo war mit seinem Dobs gekommen. Da der Platz schon recht voll war, musste er sein Lager leider ziemlich weit entfernt von meinem aufbauen, so dass wir nicht zusammen beobachten konnten. Die Nacht versprach besser zu werden als die vorherige, denn der Himmel war weitgehend aufgeklart. In der Dämmerung widmeten wir uns den fünf Planeten. Merkur hätte ich gerne fotografiert, was aber von meinem Standort nicht möglich war, da Bäume im Weg waren. So begnügte ich mich mit dem Fotografieren von Jupiter und Venus. Eine Weile später ging ich „auf Tour“ im Virgo-Haufen – und hier war es mir nicht mehr möglich zu bestimmen, welche Galaxie denn nun welche ist... Gegen zwei Uhr zog sich der Himmel dann buchstäblich in Windeseile zu, und das Wetterleuchten im Süden ließ uns befürchten, dass ein Gewitter nicht mehr weit war. Panikartig wurden auf dem ganzen Platz die Gerätschaften eingepackt, abgedeckt und in Sicherheit gebracht. Danach beruhigte sich die Lage wieder. Das Gewitter blieb aus, und einige Zeit später waren auch wieder Wolkenlücken zu sehen. Aber ich hatte, wie viele andere auch, nun alles eingepackt und nicht unbedingt Lust, noch mal aufzubauen. So fand diese Nacht ein jähes Ende.
Der nächste Morgen begrüßte uns mit tiefhängenden Wolken über der nahegelegenen Hügelkuppe. Mein erster Akt nach dem Frühstück war daher, das Auto in Sicherheit zu bringen, bevor die viel beschworene „Schlammschlacht“ losging. Ich parkte also auf der Straße, blieb aber noch eine ganze Weile vor Ort. Im Laufe des Vormittags kaufte ich dann noch einen OIII-Filter und traf zufällig alte Bekannte wieder, die ich schon verschollen geglaubt hatte.
Fazit: Es lohnt sich auch, nach Stumpertenrod zu fahren, wenn das Wetter nicht ganz so toll ist, „Wolkenlücken-Hopping“ macht an einem solchen Ort auf jeden Fall Spaß!
Ursula Hohmann-Donelasci