Non sara mai tardi a darci un segno
(Es ist nie zu spät uns ein Zeichen zu geben)
Was war bloß mit mir geschehen. War das wirklich noch ich, der hier stand. Ich sah herüber und ein unbändiges Gefühl ließ sich unabwendbar in mir nieder. Nein , Nein und nochmals Nein, ich konnte und vor allen Dingen ich wollte nicht mehr. Langsam wendete ich mich ab und ging fort, einfach fort.
Doch nie geht man so einfach fort , denn irgendwo bleibt immer ein Stück zurück von dir. Etwas von deinem tiefsten Inneren das an dich erinnert, obgleich du dachtest fortgegangen zu sein. Doch die Erkenntnis jener Unsterblichkeit widerfährt einem spät und oftmals zu spät.
Wortlos und vollkommen ausgebrannt nahm ich die alte Lederjacke, den Helm und verließ das Haus an jenem Dezemberabend 1994. Hinter mir hörte ich Stimmen die nach mir riefen, doch das war mir egal. Es schien mir unwirklich, alles so fremd was sich hier und jetzt um mich herum abspielte. Wie in Trance schob ich das Tor der Garage auf und bewegte mich auf das zu, was in jenem Augenblick „mein ein und alles“ war. Noch immer stand Sie genauso da wie ich Sie vor ewigen Zeiten einst abstellte. Vorsichtig und fast schon entschuldigend befreite ich meine alte Vespa von den Spinnweben die sie umgaben. Ich öffnete den Gasgriff ein wenig und trat den Kickstarter energisch herab. Widerwillig und recht mühevoll begann der kleine Zweitakter seine Arbeit aufzunehmen und kleine Nebelschwaden verließen den Auspuff und hüllten den Raum mit Qualm ein. Vorsichtig nahm ich die Vespa vom Hauptständer und fuhr auf die Straße. Wehmütig flüsterte ich Ihr zu: „ Tut mir leid das ich so lang fort war, Vespa mia.“
Dunkle Wolken trieben am Himmel und ließen kleine Regentropfen herabfallen. Es war wohl der denkbar schlechteste Augenblick um auf und davon zu fahren, aber mir war in jenem Moment egal was sich da über mir zusammen brauen würde. Wie ich so dahin fuhr, fing ich an, mich an all die kleinen Abenteuer meiner Jugend zu erinnern. Geschichten deren Erinnerungen mir ein melancholisches Lächeln aus meinen gealterten Gesichtszügen entlockte. Wo war all das geblieben? Wo war die Freude geblieben einen jeden neuen Tag zu begrüßen? Wo hin war Freude und Lachen entschwunden das mich zeitlebens begleitete?
Wenn ich gewußt hätte, was ich verlieren täte, wenn ich Erwachsen würde, ich hätte mir wünschen wollen immer noch der Junge auf seiner Vespa zu sein.
Aus den wenigen Tropfen die mich noch vor wenigen Minuten trafen wurde innerhalb kürzester Zeit ein gewaltiger Regenschauer. Langsam durchdrang der anhaltende Regen meine sommerliche Kleidung und eine fast schon befreiende Kühle berührte meine Haut.
Welch ein eigenartiges Gefühl und doch so vertrautes zu gleich den nassen Leib zu verspüren, obgleich man ihn tagtäglich um sich hatte. Jeden Muskel und jede Faser in seinem Körper zu erleben, die sich gegen die herannahende Kühle erwehrt. Gefühle die so tief und eindringlich waren, die einem all das geschehene in Vergessenheit zu hüllen schien. Der kühle Fahrtwind bahnte sich unaufhaltsam seinen Weg an meine Haut und ließ mich vor Kälte erschauern.
Der Umstand, das ich ungemein fror, ließ mich allmählich wie aus einem bösen Traum erwachen der mich eine halbe Ewigkeit in seinem Bann hielt. „Verdammt, wo war ich hier eigentlich?“ Ich mußte wohl dermaßen mit mir und meinen Problemen beschäftigt gewesen sein, daß ich außerstande war mit Sicherheit zu sagen wo ich mich befand.
Meine Augen streiften forschend umher doch nichts kam mir ansatzweise bekannt vor. Die hereinbrechende Dämmerung tat ihr restliches um mich orientierungslos auf dieser Bergstraße meiner Heimat umherirren zu lassen. Irgendwie mußte ich vom Weg abgekommen sein, denn anders konnte ich mir meine derzeitige Situation nicht erklären. Die hereinbrechende Dunkelheit zwang mich den Scheinwerfer meiner Vespa einzuschalten. Angestrengt versuchten meine Augen etwas zu finden was mir bekannt vorgekommen wäre, doch nichts deutete darauf hin das ich jemals vorher schon hier gewesen sei. Ein ungutes Gefühl überkam mich und ich mußte mir eingestehen das mich eine unerklärliche Angst beschlich. Wieviel Zeit fuhr ich wohl, in Gedanken versunken, auf diesen bewaldeten Bergstraßen umher? Ich vermochte es nicht zu sagen.
Um mich herum war nun vollends die Nacht hereingebrochen und der kleine Lichtkegel des Scheinwerfers bahnte sich den Weg durch die Dunkelheit und den einsetzenden Nebel. Unaufhörlich versuchte ich mich zu erinnern aus welcher Richtung ich nun gekommen war, doch jegliche Erinnerung daran schien aus meinem Kopf verbannt. Das heftige stottern des Vespa Motors brachte mich wieder auf den Boden der Realität.
Das hatte mir zu guter letzt noch gefehlt, ein leerer Kraftstofftank meldete sich mit den absterben meines Motors zu Wort. „Was für ein Tag“ Kopfschüttelnd stieg ich von meiner Vespa und begann diese schiebend voran zu bewegen.
Was für ein Tag war das bloß wieder. „So was passiert auch immer nur mir“ stellte ich ironisch fest, denn es paßte mal wieder alles zusammen.
„Probleme über Probleme und noch mehr Probleme“
Während ich so fluchend meine Vespa durch die Nacht bewegte, schweiften meine Gedanken zurück zu jenen Ereignissen die ich vermeintlich hinter mir ließ. Was war bloß mit mir passiert und mußte all dieses wirklich geschehen?
Um so länger ich über mein handeln nachdachte desto unsinniger kam mir dieses vor.
„Du hast es eben nicht besser verdient du alter Esel“ Kilometer an Kilometer von Selbstzweifel geplagt ließ ich so hinter mir, bis ich an jenen Ort gelangte der mein Leben verändern sollte.
Inmitten dieser tiefen Dunkelheit stand ich vor einem alten Natursteinhaus dessen behagliches Licht in den Wald schien. Erleichtert setzte ich meine Vespa auf dem Mittelständer und klopfte an die Tür des alten Hauses, doch nichts geschah.
Abermals klopfte ich an das alte Portal des Hauses und zögerlich öffnete ein alter Mann dieses.
Fragend schaute mich ein Gesicht aus dem sich etwas öffnenden Türschlitz an.
„Entschuldigen Sie bitte mein spätes stören, aber ich hatte mit meinem Motorroller eine Panne. Panne ist vielleicht übertrieben, es ist eher ein Mißgeschick gewesen.“
„Treten Sie doch ein und wärmen Sie sich doch erst mal auf, junger Mann.“
Dankend nahm ich die Einladung an und trat ein. Freundlich lächelnd begrüßte mich ein alter Mann und bat mich in die kleine Küche einzutreten wo uns schon seine Frau erwartete.
„Ich muß mich vielmals für mein späte Störung entschuldigen Signora, aber wie ich Ihrem Mann schon erklärte, hatte ich gewissermaßen eine Panne. Genau genommen ist mir der Treibstoff meines Motorrollers ausgegangen. Die alte Frau wandte sich ab vom Herd und trat mit dem gütigsten Lächeln an mich heran das ich je sah und begrüßte mich freundlich.
„Giuseppe Botazzi steh hier nicht so dumm rum, hilf dem Jungen lieber aus seinen nassen Kleidern. Du kannst Ihm ja ein paar von deinen Sachen geben solange seine noch nicht trocken sind. In der Zwischenzeit werde ich uns das Essen herrichten.“
Etwas verwundert schaute ich in das freundlich lächelnde Gesicht des alten Mannes.
„Ja mein Junge dann komm mal lieber mit, bevor meine Frau Luigina noch wütend wird. Wir wollen mal schauen was ich für dich habe.“
„Ich möchte Ihnen wirklich nicht zur Last fallen. Mir würden ein paar Tropfen Benzin genügen um die nächste Ortschaft zu erreichen.“
„Mag ja sein mein Junge aber versuch das meiner Luigina mal zu erklären. Si un quore di oro, ma una capocia come un Mulo siciliano ( Ein Herz aus Gold aber einen Dickkopf wie ein sizilianischer Maulesel).“
Vorsichtig blickte ich zur alten Frau herüber die abermals, am Herd stand und ein zustimmendes Grinsen entsprang meinem Gesicht. Ich folgte dem alten Mann in die Kammer und entledigte mich meiner nassen Kleidung. Er reichte mir ein paar von seinen Hosen und einen warmen Wollpullover, der unangenehm auf meiner Haut kratzte. Für einen Augenblick dachte ich meinen seligen Nonno sagen hören:
„Junge kratz dich nicht, das Jucken hört doch gleich auf!“
Der alte Mann nahm meine nassen Kleider und wir gingen gemeinsam in die Küche, wo uns seine Frau schon am eingedeckten Tisch erwartete.
„Setzt Euch und fangt an zu Essen bevor es noch erkaltet. Mein Junge setz dich doch in die Nähe des Kamins so wird Dir schnell warm.“
Eine unbeschreiblich, wunderbar warme Atmosphäre ging von diesem Ort aus. Die Gastfreundschaft des alten Ehepaars nahm mich Augenblicklich in ihrem Bann und ließ mich wie verzaubert ein verloren geglaubtes Gefühl neu verspüren. Die Selbstverständlichkeit mit der ich mit diesen beiden Menschen am Tisch saß ließ mich verwundern und von Zeit zu Zeit blickte ich in Ihre Gesichter. Dabei stellte ich fest, das mir diese Menschen auf unbeschreiblicher Weise bekannt, fast schon vertraut gegenüber saßen. Mit jener sonderbaren Vertrautheit diesen beiden Menschen gegenüber begann ich von mir zu erzählen. Verständnisvoll hörten Sie mir zu und gaben mir das Gefühl des verstanden sein. Bereitwillig sprach ich von Sorgen, die mich quälten, von Ängsten, die einem die Luft zum Atmen abschnüren und von Kummer, der mich langsam verstummen ließ. Eben all jenes das mich dazu trieb davon zu fahren, einfach nur fort zu fahren. Nach all dem gesagten schwieg ich. Dieses Schweigen war nicht das Schweigen eines gescheiterten, sondern das Schweigen eines Mannes der sich von einer schweren Last auf seiner Seele befreien konnte.
Wenn ich Heute an jene Ereignisse zurück denke, kann ich nicht mit Gewißheit sagen wer mir damals von den beiden jene Worte schenkte, die mich und mein Leben seit jenen Tagen lenken.
„ Figliolo mio (mein Kind), egal was noch in deinem jungen Leben geschehen wird. Erhöre die Worte deines nächsten, so auch deine, werden erhört. So manches Leid bräuchte dann gewiß nicht auf Erden verweilen.
Egal wie wir handeln hier auf Erden.....................“
Ein dumpfes Geräusch unterbrach die Worte voller Tiefe und Weisheit.
„ Was war das ? „
„ Figliolo, das ist dieser Verrückte. Jeden Abend geht das so, doch egal was auch passieren wird, wir werden immer hier sein für all jene die uns brauchen. Selbst dieser Tyrann wird uns nicht vertreiben können.“
„ Es ist besser wenn du jetzt fährst Figliolo mio, denn es ist schon sehr spät .“
Eine sonderbare Stille lag in der Luft und zu jenem Zeitpunkt verstand ich jene sonderbaren Worte nicht.
Ohne weiter auf das Gesagte einzugehen machte ich mich auf aufzubrechen. Ich verspürte das unbändige Gefühl etwas in meinem Leben wieder richtig zu stellen und streifte mir frohgemutes meine Lederjacke über.
Ich verabschiedete mich von den Beiden mit dem Versprechen wiederzukehren, denn ich stände tief in Ihrer Schuld. Der alte Mann half mir die Vespa wieder in gang zu bringen, und wies mir ein letztes mal den Weg zurück.
Als ich dann tief in der Nacht in mein Haus zurück kehrte war ich zum Glück nicht allein, den es erwartete mich jemand, der mich erhörte und den ich erhören konnte.
Doch hier, und vor allen Dingen so soll die Geschichte nicht enden, denn ich sollte noch mein Versprechen einlösen, das ich dem Ehepaar Botazzi gab.
Immer noch gefesselt von jenem wunderbaren Abend, beschloß ich, einige Tage später das alte Ehepaar aufzusuchen, um Ihnen eine Kleinigkeit zum Weihnachtsfest zu schenken. So fuhr ich nun eines Tages an jenen Ort, wo sich meines Erachtens das Haus der Botazzis in meiner Erinnerung hätte befinden sollen. Doch nach einer geraumen Zeit gab ich die Suche auf und beschloß im nahe gelegenen Dorf mich nach dem Haus der Botazzi`s zu erkundigen.
Es mag wohl zur Mittagszeit gewesen sein als ich die kleine Ortschaft Lugnano erreichte und eine gespenstische Ruhe lag auf dem wie ausgestorben wirkenden Dorf. Ich fuhr mit meinem Wagen auf die Piazza und stieg aus. Die einzigen Lebewesen die ich dort antraf waren ein alter Mann und sein noch älter wirkender Hund. Hoffnungsvoll ging ich zum Mann der mich etwas mißtrauisch beobachtete und erkundigte mich nach Giuseppe und Luigina Botazzi. Wortlos forderte er mich auf ihm zu folgen bis wir unerwarteter Weise vor einer alten Gedenktafel stehen blieben auf der er mit seiner Hand zeigte.
Ich traute meinen Augen nicht was ich dort dann sah, denn auf jenem Gedenkstein in Lugnano stand etwas für mich unfaßbares geschrieben.
Der Gedenkstein wurde zum Gedenken an Giuseppe und Luigina Botazzi errichtet, die in der Nacht zum 19.12.1944 von Deutschen SS Offiziere hingerichtet wurden, da Sie einem jungen deutschen Deserteur versteckt hielten und diesem die Flucht in die Freiheit ermöglichten.
Dicke Tränen rannen mir herab als ich die glücklich lächelnden Gesichter der Beiden auf dem Gedenkstein sah. Ich wischte mir die Tränen mit dem Ärmel des Wollpullovers den ich in Händen hielt ab und laß weiter.
Egal wie Wir handeln hier auf Erden,
ob Wir stehen oder gehen,
ob Wir schweigen oder klagen,
ob Wir sehen oder uns abdrehen,
all dies geschieht durch unser wandeln.
Zeichen Wir setzen durch all unser hetzen,
ob gut oder schlecht wer mag dies schon richten.
Einzig Richter dein Gewissen sei
für all das streben
in deinem Leben.
Giovanni Donelasci